November, 2016

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Wiedergutmachung bei Opfern des §175 StGB

Nachdem es in Großbritannien schon seit Jahren eine Diskussion um die Rehabilitierung von in der Vergangenheit strafrechtlich verfolgter Opfer sexueller Minderheiten gab, diskutiert auch das politische Berlin seit mehr als einem Jahr über eine Rehablilitierung und Entschädigung von Verfolgten des §175 Strafgesetzbuch. In dem Gesetz der westdeutschen Bundesrepublik wurde bis zur großen Strafrechtsreform Ende der 60er Jahre die Homosexualität verboten. Man geht von zehntausenden Opfern seit der Gründung der Bundesrepublik aus.

Bis 1935 wurden in diesem Gesetz auch zoosexuelle Handlungen unter Strafe gestellt. Ab 1935 gab es den vom Naziregime des dritten Reichs geschaffenen Unterparagaph §175b, der sexuelle Kontakte mit Tieren noch schärfer bestrafte. Der komplette §175 mitsamt dem Unterparagrafen b wurde 1949 unverändert von der neu gegründeten Bundesrepublik übernommen.

Mit der besagten Strafrechtsreform wurde 1969 das Verbot sexueller Handlungen mit Tieren ersatzlos gestrichen. Der Versuch von Tierrechtsorganisationen und konservativen Kräften, ein Verbot über den Umweg des Tierschutzgesetzes wieder einzuführen, war nur sehr eingeschränkt erfolgreich. Zwar wurde 2013 mit dem §3.13 Tierschutzgesetz ein Verbot wieder eingeführt; aber schon im Dezember 2015 hatte das Bundesverfassungsgericht klargestellt, dass es sich dabei um ein Tiervergewaltigungsverbot handelt. Einvernehmliche sexuelle Kontakte zu Tieren sind in Deutschland nach der höchstrichterlichen Entscheidung nicht verboten.

Leider ist in der aktuellen Diskussion bisher kein Wort dazu gefallen, ob und inwieweit auch die Opfer des §175b bedacht werden. Im Vergleich zu den verurteilten Homosexuellen, von denen allein in den rund zwanzig Jahren von der Gründung der Bundesrepublik bis zur Strafrechtsreform jedes Jahr tausende verurteilt wurden, kann man bei den Zoophilen von einer kleineren vierstelligen Anzahl über den gesamten Zeitraum rechnen.

Die geringe Anzahl an Opfer – vor allem der noch lebenden – darf aber keine Entschuldigung dafür sein, diese völlig unbeachtet zu lassen. Die Folgen der gesetzlichen Verfolgung dürfte für zoophile Opfer mindestens so groß gewesen sein wie bei den Homosexuellen. Neben Geld- und Gefängnisstrafen mussten die Opfer oft auch zwangspsychatrische Behandlungen über sich ergehen lassen. Außerdem waren oft lebenslange Folgen wie der Verlust des Arbeitsplatzes und soziale Isolation die Folge.

Während es inzwischen unzählige wissenschaftliche Arbeiten und Dokumentationen gibt, die die Folgen der Verfolgung homosexueller Opfer zum Inhalt haben, fehlt eine Aufarbeitung über zoophile Opfer komplett.

Genaue Zahlen, wie viele Betroffene es gibt, werden wohl kaum feststellbar sein. Dazu fehlt der gesellschaftliche Wille einer Aufarbeitung. Selbst in der Wikipedia, die laut Eigendarstellung neutral sein soll, fehlen inzwischen die einst aufgeführten Zahlen im entsprechenden Artikel.

So wie es aussieht, werden die Opfer des §175b bei einem Rehabilitierungsgesetz nicht bedacht werden. Dabei muss noch nicht einmal von Absicht bei der Legislative ausgegangen werden. Es ist wohl eher so, dass man schlicht kein Augenmerk auf diese Opfergruppe hat, denn im Gegensatz zu den Homosexuellen gibt es bei Zoophilen keine nennenwerte Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit.

Der ZETA-Verein, der sich selbst als „erster Ansprechpartner für Presse, Wissenschaft und Politik“ sieht, hat das Thema mangels richtig gesetzter Prioritäten offenbar verpennt. Kein einziges Wort konnte man von dem Verein vernehmen, seit die deutsche Politik das Thema aufgegriffen hat.

Dabei gälte es jetzt aktiv zu werden, nach Betroffenen zu suchen und im Justizministerium vorstellig zu werden. Selbst die jüngsten Opfer des §175b sind bereits im Rentenalter. In wenigen Jahren wird es keine lebenden Opfer mehr geben und jedes Engagement hätte allensfalls posthumen Wert.