Ausschnitte aus dem Kinsey Report

Für viele Menschen ist es eine nahezu unumstößliche Tatsache, daß zwei sich paarende Lebewesen Glieder der gleichen Art sind. Dies ist im gesamten Tierreich so häufig der Fall, daß Ausnahmen von der Regel besondere Aufmerksamkeit zu verdienen scheinen. Denen, die glauben, wie das bei Kindern der Fall ist, daß Konformität allgemein sein sollte, wird jede Abweichung von der Regel zur Immoralität. Diese Immoralität erscheint besonders dem Menschen ungeheuerlich, der die Häufigkeit nicht kennt, mit der solche Ausnahmen einer angenommenen Regel vorkommen. Kein Biologe kann in der Tat genau erklären, warum die männlichen Glieder einer Art hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich, von dem weiblichen Gegenstück der gleichen Art angezogen werden. Was ist es, das die Insekten einer Art von der Paarung mit Insekten vieler anderer Arten zurückhält? Was ist es, das einen Frosch von der Paarung mit Fröschen anderer Arten abhält? Warum paaren sich Säugetiere nur mit Säugetieren der gleichen Art? Soll man dem gesamten Tierreich gegenüber von der Voraussetzung ausgehen, daß die Quellen sexueller Anziehung eine Beschaffenheit haben, die nur für Individuen der gleichen Art Stimuli vermitteln? Dem Wissenschaftler genügt die Auffassung nicht, daß die Natur nur interspezifische Paarung zuläßt, da sie die Fortpflanzung als das Hauptmotiv aller sexuellen Betätigung betrachtet und die Zeugung eines aus intraspezifischer Kreuzung hervorgehenden Nachwuchses als unmöglich betrachtet wird. Es genügt nicht, innere Kräfte anzunehmen, die die Individuen bei ihren sexuellen Beziehungen zueinanderziehen. Solche Auffassungen beziehen sich auf letzte Dinge, die der Wissenschaft nicht zugänglich sind, und Biologen wie Psychologen müssen sich schließlich nach materiellen Stimuli umsehen, die, von einem Individuum ausgehend, das andere derartig affizieren können, daß die Paarung das unausbleibliche Ergebnis ist. Solche spezifischen Stimuli finden sich zum Beispiel in dem von der weiblichen Motte ausgehenden Geruch. Man hat nachgewiesen, daß sie Anziehungsquellen für männliche Tiere darstellen, die aus großen Entfernungen herbeikommen und sich um das Weibchen scharen, das diesen Geruch ausströmt. Solche spezifischen Reize finden sich ferner in den Lockrufen von Kröten und Fröschen, wahrscheinlich im Singen der Vögel, in den Gerüchen, die einige Weibchen der Säugetierarten aussenden und bei den höheren Säugetieren im visuellen Reiz, der allein durch die Anwesenheit eines Individuums geboten werden kann. Es ist viel über dieses Thema geschrieben worden, doch muß die Literatur mit besonderer Sorgfalt analysiert werden, da vieles davon anthropomorph ist und eine Deutung vermittelt, die der menschliche Verstand zu finden erwartet, wenn er von der Voraussetzung ausgeht, daß intraspezifische Paarung die einzige Möglichkeit in der Natur ist. Selbst Wissenschaftler sind bei ihren Untersuchungen auf diesem Gebiet nicht unvoreingenommen, da sie gleichermaßen die Traditionen übernommen haben. Auch sie stehen auf dem Standpunkt, daß Paarungen unter Individuen verschiedener Arten nur selten vorkommen. In den letzten Jahrzehnten wurde jedoch die Aufmerksamkeit der Forscher auf dem Gebiet der Taxonomie, Genetik und Evolution in steigendem Maß auf interspezifische Kreuzungen gerichtet. Diese sprechen natürlich für die Existenz interspezifischer Paarung. Einige Biologen fühlen sich angesichts dieser Tatsachen durchaus unbehaglich und haben die Neigung, sie hinwegzuargumentieren, so wie sie einen Makel aus ihrer Philosophie oder Theologie hinwegargumentieren würden. Selbst unter den höheren Tieren sind interspezifische Kreuzungen oder Kreuzungen zwischen deutlich unterschiedlichen Arten in steigendem Maße bekannt geworden. Bei der Kennzeichnung von Vögeln hat es sich gezeigt, daß Vögel die Grenzen ihrer eigenen Arten viel weniger häufig einhalten, als die Naturforscher in früherer Zeiten glaubten. Auch die Forscher auf dem Gebiet sexueller Verhaltensweisen unter den höheren Säugetieren beginnen von einer steigenden Zahl von Tieren zu berichten, die mit Tieren völlig verschiedenartiger und oft weit entlegener Arten Paarungen oder Paarungsversuche durchführen. [Nat. Res. Council Conf. on Mammalian Sex. Behav. l943 – Nat. Forsch. Rat Konf. über Sex. Verhalten d. Säugetiere -, Beach 1947] Fruchtbare Kreuzungen zwischen sehr verschiedenartigen Spezies werden durch mikroskopisch kleine Mechanismen beschränkt, die von auf dem Gebiet der Genetik und Zellstruktur arbeitenden Forschern in größerem Maß bis ins einzelne untersucht worden sind. Es existiert jedoch keine vergleichbare Kenntnis der Faktoren, die Paarungen unter spezifisch unterschiedlichen Tieren verhindern könnte. Bei Untersuchung der beobachte Kreuzungsfälle und besonders der recht erheblichen Anzahl von Beispielen, in denen Primaten, einschließlich des Menschen, eine Rolle spielen, kann man sich des Verdachts nicht erwehren, daß die Regeln interspezifischer Paarungen nicht so allgemein sind, wie die Tradition es haben will. In der Tat stellt sich aufs neue die Überzeugung ein, bessere Begründungen zu finden, als sie von Biologen und Psychologen geboten werden, die von den Tieren erwarten, daß ihre Paarungen sich unweigerlich auf Individuen der gleichen Art beschränken. Deshalb ist es von besonderem Interesse, den Grad des Abscheus festzustellen, mit dem die meisten Individuen, die keine solchen Erlebnisse haben, dem Gedanken von Sexualverkehr zwischen Mensch und Tieren gegenüberstehen. Biologen und Psychologen, Anthropologen und Historik würden einen bedeutenden Beitrag liefern, wenn sie die Entwicklung unserer Tabus bezüglich solcher Kontakte erklären könnten.

Es ist natürlich bekannt, daß diese Tabus ihren Platz im Alten Testament und dem Talmud haben. Man sollte auch der Tatsache besondere Aufmerksamkeit widmen, daß in dem älteren Kodex der Hettiter [Barton 1925], der möglicherweise einen gewissen Einfluß auf die hebräischen Gesetzbücher ausgeübt hat, die Tabus gegenüber Tierkontakten nicht so klare moralische Fragen darstellen, wie das später der Fall sein sollte. Es findet sich besonders im hettitischen Kodex eine Verordnung, wonach „ein Mann, der einer Kuh beiliegt, mit dem Tode bestraft werden soll.“ „Wenn ein Mann einem Hunde oder Schwein beiliegt, soll er sterben.“ „Wenn ein Mann einem … [anderen, nicht identifizierten Tier] beiliegt ist die Todesstrafe anzuwenden.“ „Wenn ein Bulle einen Mann besteigt, so soll der Bulle sterben, aber der Mann soll nicht sterben.“ „Wenn ein Eber einen Mann besteigt, so ist das nicht strafbar.“ „Wenn ein Mann einem Pferd oder Maultier beiliegt, so ist das nicht strafbar, aber er darf sich nicht dem König nähern und er darf nicht das Amt eines Priesters übernehmen.“ Diese Verbote beziehen sich auf Kontakte mit bestimmten Tieren wohingegen Kontakte mit gewissen anderen Tieren mehr oder weniger akzeptiert werden. Solche Unterscheidungen finden auffällige Parallelen in den Tabus, die gewisse Nahrungsmittel für rein, andere für unrein erklärten. Der Forscher auf dem Gebiet gewisser Volksbräuche ist geneigt, ein erhebliches Ausmaß von Aberglauben in den Ursprüngen aller dieser Tabus zu sehen, obgleich sie scbließlich zu religiösen und moralischen Problemen ganzer Nationen und ganzer menschlicher Rassen werden können. Jedenfalls steht fest, daß menschliche Kontakte mit Tieren seit Urzeiten und auch heute noch in allen Rassen und Völkern bekannt sind und, wie die Daten des vorliegenden Kapitels zeigen werden, in unserer eigenen Kultur nichts Ungewöhnliches darstellen. Weit davon entfernt, völlig überraschend zu kommen, bestätigen die Aufzeichnungen nur unser derzeitiges Wissen darum, daß die Kräfte, die Individuen der gleichen Arten bei sexuellen Beziehungen zusammenbringen, zuweilen auch dazu dienen, Individuen verschiedener Arten für die gleiche Art sexueller Beziehungen zusammenzuführen.

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Psychologisch können Tierbeziehungen für den Jugendlichen mit regelmaßigen Erlebnissen von erheblicher Bedeutung werden. Während seine ersten Kontakte wenig mehr als die durch physische Stimulierung erlangte Befriedigung vermitteln, ändert sich die Sachlage erheblich bei dem Jugendlichen, der häufige Kontakte mit bestimmten Tieren hat. Die Tiefe der psychischen Reaktion zeigt sich in seiner schnellen Erektion und der Leichtigkeit, mit der er in solchen Tierbeziehungen zum Orgasmus gelangen kann. Die psychische Bedeutung dieser Erfahrung wird besonders durch die Tatsache bewiesen, daß Tierkontakte einen festen Platz in seinen nächtlichen Träumen einnehmen. Darüber hinaus entwickeln viele Farmjugendliche bei der Onanie erotische Phantasien, in denen sie sich den Kontakt mit einem Tier vorstellen. In einigen Fällen kann der Jugendliche eine liebevolle Beziehung gegenüber einem bestimmten Tier entwickeln, mit dem er seine Kontakte hat, und es gibt Männer, die emotionell in starke Erregung geraten, wenn die Situation sie zum Aufgeben der Beziehungen mit einem bestimmten Tier zwingt. Wem dies als seltsame Perversion menschlicher Zuneigung erscheint, sollte sich daran erinnern, daß genau die gleiche Art liebevoller Beziehungen in einem Haushalt mit Haustieren entwickelt werden kann, und es ist bei vielen Menschen unserer Gesellschaft nichts Ungewöhnliches, daß sie sich über den Verlust eines Hundes oder einer Katze, die längere Zeit im Hause war, erheblich aufregen und bekümmern. Die Elemente, die in sexuellen Kontakten zwischen Menschen und Tieren eine Rolle spielen, unterscheiden sich in keinem Punkt von denen, die bei erotischen Reaktionen in auf Menschen bezüglichen Situationen gelten.

Auf der anderen Seite sei erwähnt, daß männliche Hunde, die masturbiert wurden, eine starke Anhänglichkeit an die Personen zeigen, die solche Stimulierung vermitteln. Es liegen Berichte über männliche Hunde vor, die die Weibchen ihrer eigenen Art vollständig zugunsten der Bevorzugung des von einem menschlichen Partner vermittelten Kontakts aufgaben. Für die meisten Männer stellen Tierkontakte nur ein vorübergehendes Kapitel in ihrer vita sexualis dar. Sie werden durch den Koitus mit Frauen ersetzt, sowie sich die Frau findet. Andererseits kann der Mann, der eine große Anzahl von Erlebnissen mit Tieren hatte, dadurch so geprägt worden sein, daß er bei der bloßen Vorstellung solcher Möglichkeiten – Jahre nach der Einstellung solcher Kontakte – noch immer in Erregung gerät.
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Kinsey report
Alfred Kinsey
(Diverse Ausgeben)